An der Schwelle zum Digitalen – analoge und digitale Methoden der Architekturvisualisierung in der Bauwelt 1987

An der Schwelle zum Digitalen – analoge und digitale Methoden der Architekturvisualisierung in der Bauwelt 1987

Auf der Suche nach dem Einzug des digitalen Bildes in die deutschen Architekturzeitschriften als ernstzunehmendes Medium der Entwurfsdarstellung ab den 1980er Jahren ergeben sich selten, aber manchmal ungeahnte Volltreffer. Während die Arch+ erstmals im November 1984 eine gesamte Ausgabe dem „Thema: Computer-Aided-Design – Zum Stand der Kunst“ widmet (Heft 77), dauert es in der Bauwelt bis Oktober 1988, bis der erzeugte Druck durch die Einführung und beginnende Ausbreitung der neuen digitalen Entwurfswerkzeuge auf die Architekturpraxis offenbar so groß ist, dass ein ganzes Heft sich mit dem „Computer“ und seiner praktischen Anwendung im Architekturbüro befasst (Heft 41).

Cover Bauwelt 1987

Bauwelt, Jg. 78, 1987, H. 1/2 (9. Januar), Cover

Beiden Zeitschriftenausgaben ist gemein, dass dabei die Frage der Visualisierung fast gänzlich ausgelassen wird. Vielmehr steht zunächst der technisch-konstruktive Aspekt im Vordergrund. Wie sich dem Bauwelt-Heft entnehmen lässt, wird hinsichtlich der digitalen Visualisierungsmöglichkeiten im CAD in erster Linie „ein Produktionswerkzeug gesehen, um Zeichnungen herzustellen“ (Hartmut Potreck, S. 1769). Diese seien zwar „in ihrer Grafik sehr spröde; sie helfen aber sehr bei gestalterischen Entscheidungen, weil das Gebäude mühelos von allen Seiten, von innen und außen aus beliebiger Höhe betrachtet werden kann“ (Dieter Patschan, S. 1776). Eine darstellende Anwendung des Computers, die über die manuell ausgeführte oder vom Plotter erstellte technische Zeichnung hinausgeht, liegt noch in weiter Ferne und ist zu diesem Zeitpunkt die absolute Ausnahme. Eine solche Architekturdarstellung im Sinne eines regulär verwendeten digitalen Bildes für die Entwurfsvisualisierung findet sich in der Bauwelt zum ersten Mal im Jahr 1990 (Heft 17, S. 867), in der Arch+ im Jahr 1988 (Heft 96/97, S. 53). Das allgemein vorherrschende Bildmedium der Entwurfsdarstellung ist in beiden Zeitschriften bis in die zweite Hälfte der 1990er Jahre ohne jede Frage die analoge Modellfotografie.

Vor dem Hintergrund des Status quo der Entwurfsdarstellung, wie er in der Jahren des Übergangs, das heißt mit fortschreitender Digitalisierung der architektonischen Entwurfspraxis und sich anbahnendem Medienwechsel von der analogen zur digitalen Architekturdarstellung in den Architekturzeitschriften anzutreffen ist, erweist sich auch die Bauwelt-Ausgabe „Blicke & Bilder“ vom Januar 1987 (Heft 1/2) als Volltreffer und wahre Goldgrube. In gebündelter Form ist hier eine Vielzahl an Aufsätzen und Beiträgen versammelt, die sich deskriptiv bis kritisch mit den verschiedenen technischen Medien der Architekturdarstellung auseinandersetzen. Eine solche explizite wie kompakte medienreflexive Betrachtung der visuellen Darstellungsmittel stellt in den Jahrgängen der Bauwelt ab 1980 ein Novum dar und ist damit selbst sowohl Indiz als auch Symptom für den sich vollziehenden Wechsel vom Analogen zum Digitalen auf dem Gebiet der Architektur.

Das zeigt sich deutlich an dem Spektrum der behandelten Themen. Dieses reicht von „Fotografie für Architekten“ (Rainer König) über „Es kommt der elektronische Fotograf“ (Joachim Schmid) bis zu „Computer Grafik und visuelle Planung“ (Bernd Willim), „Photogrammetrie im Bauwesen“ (Robert Dieter Jänsch), „Technische Architekturdarstellung“ (Mathias P. Hirche) und „Holographie“ (Wilfried Schipper und Gerd Seele). Das Heft bietet damit einen umfassenden und aus heutiger Sicht medienarchäologisch hochinteressanten Überblick über die erstaunliche Vielfalt an Formen und Methoden der Architekturvisualisierung zu jenem Zeitpunkt, als die digitalen Verfahren sich bereits andeuten, die analogen Verfahren aber noch voll etabliert und noch nicht im Verschwinden begriffen sind.

Inhaltsverzeichnis mit beigefügter „Anaglyphen-Filterbrille“

Dabei vermitteln die einzelnen Beiträge zugleich ein Bild von dem hohen und ausgereiften Stand der angewandten Techniken – wer Glückt hat und eine Originalausgabe in die Hände bekommt, kann mit der beigefügten „Anaglyphen-Filterbrille“ (‚3D-Brille‘) die fotogrammetrischen Abbildungen im Innenteil als Stereo-Bilder betrachten –, aber auch von dem zum Teil enormen apparativen Aufwand, der dazu nötig war, sowie den damit verbundenen intensiven Kosten. Besonders erhellend sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Mathias P. Hirche zur endoskopischen Modellsimulation, Foto- und Videomontage (S. 46–51), wobei bereits auch erste Versuche unternommen wurden, digital erzeugte Bildelemente zu integrieren und mithilfe analoger Verfahren zu hybriden Bildformen zu verbinden. Dabei wird ebenso deutlich, welche Vorteile man sich zukünftig von den digitalen Verfahren versprach, aber auch, wo derzeit ihre Nachteile und Grenzen gesehen wurden, und nicht zuletzt, welche funktionalen Anforderungen an das analoge technische Architekturbild sich bis heute in den digitalen Architekturdarstellungen fortsetzen und welche neu hinzugekommen sind.

Technische Architekturdarstellung

Beitrag Mathias P. Hirche, „Technische Architekturdarstellung“

Die Bauwelt-Ausgabe „Blicke & Bilder“ von 1987 erweist sich als aufschlussreiche Lektüre, die mit ihrer Fülle an Informationen dazu beitragen kann, den historischen Kontext des digitalen Architekturbildes zu beleuchten wie auch das spezifisch Digitale des digitalen Bildes ein Stück weit näher zu fassen.

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Abbildungsunterschriften:

1) Bauwelt, Jg. 78, 1987, H. 1/2 (9. Januar), Cover

2) S. 1: Inhaltsverzeichnis mit beigefügter „Anaglyphen-Filterbrille“

3) S. 46: Beitrag Mathias P. Hirche, „Technische Architekturdarstellung“]

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