Japanische Querrollen und digitale Explorationen: Materialität, Praktiken und Lokalität

PROJEKTABSTRACT

Japanische narrative, illuminierte Querrollen (emaki) unterscheiden sich in ihrer Materialität. Mit abwechselnden Schrift-Malerei-Sequenzen, die sich von rechts nach links entfalten, sie haben eine horizontale Ausrichtung und ein bisweilen über zwanzig Meter messende Langformat. Aufgrund der vorhergehenden zentralen Überlegungen zu den digitalen Bedingungen, die neue Perspektiven in der Geschichte der europäischen Kunst eröffneten, inspiziert dieses Projekt weiter die spezifischen Probleme und Herausforderungen bei der Re-/Präsentation den japanischer Querrollen. Dies betrifft nicht nur Buchpublikationen und Museumsräume, sondern auch Website-Interfaces und Computerbildschirme.

Dieses Dissertationsprojekt, konzentriert sich auf ein Set von sechs solcher Querrollen mit dem Titel, Karmische Ursprünge des Gottes Dajō Itokuten, das auf das Jahr 1538 datiert und sich im Musée Guimet in Paris befindet, konzentriert. Ziel ist es, die Geschichte der Re-/Präsentation japanischer Querrollen zu untersuchen. Der methodische Forschungsansatz besteht darin, eine kulturelle Biographie des ausgewählten Querrollenwerks zu erstellen, und zwar von 1) ihrer ursprünglichen Produktion über 2) ihre Re-/Präsentationen in Museen und konventionellen Publikationen bis hin zu 3) ihrer digitalen Online-Darstellung.

Eine konventionelle Darstellung von Querrollen in der Buchform einer kunsthistorischen Zeitschrift. Beschränkt durch die Größe und das Layout der Seiten, ist die längliche Rolle in kurze Segmente zerschnitten.  Dies führt zu einer Fragmentierung von Schrift- und Malereiabschnitten. Es gibt Teile der aufeinanderfolgenden Bilder, die sich überschneiden, um die unterbrochene Kohärenz anzuzeigen.
Der Beginn der Illuminierten Querrollen des karmischen Ursprungs des Gottes Dajō Itokuten (die Guimet-Version der Karmischen Ursprünge des Gottes Tenjin). Wiedergabe in Bijutsu Kenkyū 410 (2014), S.498-499.

Das Projekt unterstreicht und untersucht die Kontinuität der Probleme und Herausforderungen bei der Re-/Präsentation japanischer Querrollen zwischen der so genannten „analogen Zeit“ und dem so genannten „digitalen Zeitalter“. Die Untersuchung richtet ein besonderes Interesse darauf, wie die Förderung von Technologien mit der Entwicklung der Kunstgeschichte als Disziplin zusammenhängt. Seit der Einführung der modernen Kunstgeschichte in Japan im späten neunzehnten Jahrhundert entstand der Bedarf und der Versuch, Kunstwerke in den Reproduktionsmedien, wie z.B. Zeitschriften, Laternendias, darzustellen und auch in den Museumsräumen zu präsentieren. Probleme entstehen besonders dann, wenn die Medien, Formate oder grundlegenden Layout-Prinzipien, die aus den frühen europäischen Praktiken stammen, als universell anwendbar gelten und ohne Anpassungen an die ostasiatischen Materialien verwendet werden.

Ein Beispiel für die digitale Darstellung ostasiatischer Querrollen auf Websites. Trotz des langen Formats wird die ganze Querrolle in der Standardansicht als ein einziges Bild behandelt, im Ansichtsfenster zentriert und in ihrer Gesamtheit gezeigt — keine ideale Art, eine Querrolle zu betrachten, sondern eine Standardmethode, um ein einzelne Ölgemälde zu handhaben.
Scrolle I von Ōeyama kidan, ein Satz von drei Querrollen. Reproduktion auf der Website der Bukkyo University Library Digital Collection.

Anhand der ostasiatischen, insbesondere japanischen Materialität und Betrachtungspraxis sowie der Hermeneutik und durch die Untersuchung der vorhandenen digitalen Projekte japanischer Querrollen reflektiert dieses Projekt kritisch die mediative Kraft des digitalen Bildes und erforscht in drei Untersuchungsbereichen neue Arten der digitalen Repräsentation japanischer Querrollen: 1) Materialität, 2) Praxis und 3) Lokalität.

  • 1)  Materialität bezieht sich sowohl auf die Materialeigenschaften des Artefakts als auch auf das Langformat der Querrollen.  Ziel ist es, die Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Technologien auszuloten, um den Benutzer zu vermitteln und zu informieren, was in digitaler Form „un-/präsentierbar“ ist. Trotz der drastisch überhöhten Menge an visueller Information, die mit einer höheren Definition einhergeht, werden die haptischen Informationen wie das Gewicht des Artefakts, die unterschiedliche Papierqualität, die physikalischen Pigmente von Farben usw. in der abgeflachten visuellen Darstellung des digitalen Bildes zwangsläufig ausgelassen. Das Projekt wird mögliche Arten diskutieren, diese „nicht darstellbaren“ Aspekte den Betrachtern hervorzuheben, zu vermitteln und zu übersetzen.
  • 2)  Die Praxis betrifft die Art und Weise, wie die Querrollen gehandhabt und betrachtet werden, und wie eine digitale Darstellung das Augenerlebnis beibehält, künstlich erweitert oder transformiert.
  • 3)  Lokalität umfasst sowohl den ursprünglichen Produktionsort als auch den aktuellen Aufenthaltsort eines Artefakts. Sie befasst sich auch mit a) Netzwerken zwischen den Standorten verwandter Objekte, b) der sozio-politischen Bedeutung der Artefakte an ihren Standorten und innerhalb dieser Netzwerke und c) der Mobilität der Artefakte und den nachfolgenden Veränderungen dieser Bedeutungen im Laufe der Zeit. In der Dissertation werden verschiedene Möglichkeiten der Abbildung solcher Netzwerke mit digitalen Werkzeugen untersucht.

Ein Beispiel für die digitale Darstellung von japanischen Handscrolls auf Websites. Einige Thumbnails einer Querrolle aus dem Guimet-Satz werden in dieser Such-Oberfläche angezeigt. Die gesamte Schriftrolle ist wiederum in Segmente geschnitten, um die Formate der Website-Schnittstelle, die vertikal scrollt, und der rechteckigen Computerbildschirme anzupassen. Trotz der Ausrichtung der Quertrolle, die immer von rechts nach links gelesen wird, sind die zerschnittenen Segmente von links nach rechts angeordnet, entsprechend der europäischen typographischen Konvention, was die Vorstellung des Lesers von der originalen Konfiguration der Querrolle weiter hindert.
Der Beginn der Rolle III des gleichen Guimet-Satzes der Illuminierten Querrollen des karmischen Ursprungs des Gottes Dajō Itokuten. Reproduktion auf der Website der Réunion des Musées Nationaux.

Anschließend diskutiert das Projekt, aufbauend auf den Ergebnissen der oben genannten Untersuchungen, die Potentiale zukünftiger Digitalisierungsstrategien, in der Hoffnung, dass die flexible und reproduzierbare Natur digitaler Bilder und Werkzeuge verschiedene Arten der Betrachtung und virtuellen Handhabung von Handrollen verbessern, erweitern und erleichtern kann.

TEAM                                                                                                                                

Melanie Trede, Prof. Dr., Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg                                                                                      

Fengyu Wang, M.A., Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

LINK

https://www.zo.uni-heidelberg.de/iko/institute/staff/trede/research_de.html