Von bengalischen Fotojournalistinnen und dem #PhotoFactOfTheDay: Resümee meines Twitter Take Overs

Von bengalischen Fotojournalistinnen und dem #PhotoFactOfTheDay: Resümee meines Twitter Take Overs

Ein Mann mit geschlossenen Augen umarmt eine Frau. Beide sind mit Staub bedeckt und von Schutt umgeben. Die Szene wirkt friedlich. Man fragt sich beim ersten Betrachten, ob es sich um Schlafende oder Puppen handelt. Eine rote Träne läuft dem Mann die Wange hinunter. Erst bei längerem Betrachten wird klar, dass es sich um echte Menschen handelt. Sie sind tot. Das Foto geht unter die Haut und beeindruckt nachhaltig. Es entstand bei dem Einsturz des Rana Plazas, einem achtstöckigen Fabrikgebäude in Bangladesch.

Das Bild wurde von Taslima Akhter, einer bengalischen Fotojournalistin und Aktivistin 2013 in Savar Upazila, Bangladesch aufgenommen. Die Menschen starben beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza. Akhters Foto “The Final Embrace” wurde vom TIME Magazine unter die 10 Top Bilder des Jahres 2013 gewählt. Es berührt auch heute noch aktuelle Fragen der Bild- und Medienethik: Welche Motive werden gezeigt? Wer entscheidet über die Veröffentlichung? Welche Verbreitungswege nehmen diese Bilder?

Durch den Twitter Take Over des Accounts @dasdigitalebild des Schwerpunktprogramms entstand für mich die Möglichkeit, Taslima Akhter und andere interessante Projekte und Personen vorzustellen, die ich bei der Auseinandersetzung mit Bild- und Medienethik, kennengelernt habe. Deshalb stellte sich mir die Frage: Wie möchte ich mich und diese Interessen während meines Take Overs präsentieren?

Das ist eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist, besonders mit nur 280 Zeichen, die ein Tweet umfassen kann, um meine Intention und den richtigen Ton in der Wissenschaftskommunikation zu finden. Ich erarbeitete ein Konzept, in dem ich nicht nur meine bisherige Arbeit, wie zum Beispiel Beiträge auf diesem Blog, vorstellen konnte, sondern auch aktuelle Geschehnisse und Events, sowie meine durch meine Herkunft geprägte Sichtweise auf das Thema journalistische Fotografie. Meine Mutter stammt aus Bangladesch, weswegen ich mich besonders mit der journalistischen Fotografie aus dem Land beschäftige. Außerdem wurde meine Auseinandersetzung mit journalistischer Fotografie durch Dr. Evelyn Runges Projekt “Hinter dem digitalen Bild” geprägt, an welchem ich mit ihr arbeite. Auch die Buchreihe des Schwerpunktprogramms “Begriffe des digitalen Bildes”, für die wir gerade eine Ausgabe zum Thema Sharing erstellen, machte mir einmal mehr bewusst, wie eurozentrisch und männlich dominiert der Diskurs über journalistische Fotografie noch immer ist. All diese Eindrücke bezog ich bei der Entwicklung meines Konzepts mit ein.

#PhotoFactOfTheDay

Die Geschichte der journalistischen Fotografie interessiert mich sehr. Deswegen habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, sie in einem kurzweiligen Format in meinen Take Over einzubinden. Es entstand die Idee des #PhotoFactOfTheDay, inspiriert von dem Hashtag #OutfitOfTheDay, den Mode-Influencer*innen nutzen, um täglich ihre Outfits zu präsentieren und zu bewerben. Ziel war es, durch besondere Fakten der Fotografie das Interesse an dem Content, den ich an diesem Tag erstellte, zu erzeugen, es aber gleichzeitig auch als alleinstehende Reihe mit Wiedererkennungswert für meinen Take Over zu nutzen. So entstand ein fortlaufendes Format mit visuell ansprechendem Bildmaterial.

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Ich begann die Woche des Take Overs mit Themen und vielfältigen Elementen zu planen, die aufeinander aufbauen. Mein Publikum sollte durch die Tweets an die Themen herangeführt werden und mit mir gemeinsam tiefer einsteigen. Durch den #PhotoFactOfTheDay unterteilte ich den Inhalt so, dass neue User*innen täglich einen Anhaltspunkt bekamen, über den sie dazustoßen konnten. Zunächst stellte ich mich und meine bisherige Arbeit vor. Als passenden #PFOTD wählte ich den Beginn der Geschichte der Pressefotografie mit der ersten Daguerreotypie, die in einer Zeitung abgedruckt wurde. Kurz vor meinem Take Over begann Ende Februar 2022 der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Als Einstieg in die Thematik wählte ich den #PFOTD über den ersten fotografisch begleiteten Krieg auf der Krim von 1853 bis 1856. Auch lag mir besonders am Herzen, einen Tag meines Take Overs aktuellen Hilfsangeboten für Studierende und Wissenschaftler*innen zu widmen und so die sich mir gebotene Plattform zu nutzen, um potenziell Menschen in Not helfen zu können.

40 Jahre laif – Sandra Hoyn

Bei meiner Recherche stieß ich auch auf die Ausstellung “40 Jahre laif” im Museum für angewandte Kunst Köln. Diese Ausstellung eignete sich einerseits thematisch und andererseits, weil sie in Köln gezeigt wird und ich dadurch eine lokale Anbindung schaffen konnte. Die Kölner Agentur featurte auch das Projekt “The Longing of Others” (2015) von Sandra Hoyn. Hoyn fotografierte in dem ältesten Bordell Bangladeschs Kandapara, welches in der Hauptstadt Dhaka im Stadtteil Tangail liegt. Bangladesch ist eines der wenigen vorwiegend muslimischen Länder, in dem Prostitution in gemeldeten Bordellen erlaubt ist. Hoyns Bilder zeigen eindrücklich, in welchen Verhältnissen die Arbeiterinnen ihren Alltag bestreiten. Trotz der legalen Duldung ihrer Arbeit sind die Frauen gesellschaftlich geächtet und nicht in der Lage, ihren Beruf zu wechseln. Auch das bengalische Fotofestival Chobi Mela, das alle zwei Jahre stattfindet, greift sozialkritische Themen wie dieses auf.

Chobi Mela

Im Zuge meiner Arbeit habe ich mich ausführlich mit diesem Fotofestival beschäftigt, welches 2000 von Shahidul Islam, einem bengalischen Fotografen und Aktivisten, ins Leben gerufen wurde. Im Vorfeld der Tweets zur Chobi Mela startete ich eine Twitter-Umfrage, um mir und den User*innen einen Überblick zu verschaffen, wer das Fotofestival bereits kennt.

Obwohl es sich bei der Chobi Mela um das erste und größte Fotofestival Asiens handelt, ist es in Europa kaum bekannt. Das Festival wählte 2021 den Titel “shunno” (übersetzt Null), welches im Bengalischen sowohl für die Zahl als auch den leeren Raum, im Sinne einer Leerstelle, genutzt werden kann. Ich beschäftigte mich in meinem Thread besonders mit dieser zehnten Ausgabe des Festivals, da sich eine Ausstellung mit dem Lebenswerk einer der ersten Fotografinnen Bangladeschs Sayeeda Khanum befasst. Die 2020 verstorbene Künstlerin begann bereits 1956 als Fotografin für die einzige an Frauen adressierte Zeitung “Begum” zu arbeiten und wurde besonders durch ihre Bilder vom Befreiungskrieg Bangladeschs 1971 bekannt. Lange war sie eine der wenigen in der Öffentlichkeit bekannten Frauen, die in Bangladesch fotografierten. Damit erleichterte und ermutigte sie Frauen, es ihr gleich zu tun.

Taslima Akhter

Eine dieser Frauen ist die oben bereits erwähnte Taslima Akhter. Ihr widmete ich einen weiteren Thread. Die Fotografin und Aktivistin für Frauenrechte ist Dozentin am Pathshala South Asia Media Institute, an dem sie selbst ihre Ausbildung absolviert hatte. Die Stipendiatin der Magnum Foundation sieht Fotografie als Fortsetzung ihres Aktivismus. Der Einsturz des Rana Plazas am 24. April 2013, bei dem mehr als 1.132 Menschen ums Leben kamen und mehr als 2.500 Menschen verletzt wurden, zeigt die schrecklichen Folgen der unwürdigen Arbeitsbedingungen in den Kleidungsfabriken des Landes. Akhter, die sich als Koordinatorin von ‘Bangladesh Garment Workers Solidarity’ für die Arbeiterinnen in diesen Fabriken einsetzt, gibt mit “The Final Embrace” den ausgebeuteten Arbeitskräften Persönlichkeit.

The struggle and life of a garment worker

Zuletzt stellte ich ihr Werk “The struggle and life of a garment worker” vor. Es beschäftigt sich mit den Arbeitsbedingungen der Näherinnen in den Kleidungsfabriken. Tausende strömen mit dem Traum eines besseren Lebens in die Hauptstadt Dhaka, um dort zu arbeiten. Der Lohn reicht jedoch kaum, um das eigene Überleben zu sichern. Sie leben in engen Barackensiedlungen. Bereits ein Jahr zuvor, am 24. November 2012, war das Gebäude von Tazreen Fashion ausgebrannt: Die Frauen arbeiten unter gefährlichen Umständen. Akhter portraitiert mehrere Frauen, die unter diesen Bedingungen leben und noch immer davon träumen, der nächsten Generation ein besseres Leben ermöglichen zu können.

Fazit

Der Take Over wurde für mich zu einer Plattform, über die ich nicht nur meine eigene Arbeit vorstellen konnte, sondern auch Künstlerinnen, die für mich eine besondere Bedeutung haben, in den Fokus zu stellen. Durch die Restriktionen eines Tweets – ein Maximum von 280 Zeichen und dem sich ständig ändernden Informationsfluss – wurde ich herausgefordert, meine Aussagen so zu komprimieren, dass ich sowohl eine zusammenhängende Erzählung für den einzelnen Tag und über die Woche hinaus entwickeln konnte. Obwohl Twitter ein schnelles Medium ist, kann man Strategien der fortlaufenden Erzählung nutzen und Anreize für Follower*innen zur näheren Beschäftigung mit dem digitalen Bild schaffen. Das Großartige am Twitter Take Over ist: Der oder die Übernehmende darf entscheiden, mit welchem Konzept und welchem Thema er oder sie an das Publikum herantreten will. Das war meine Idee. Somit sehe ich das Konzept des Twitter Takeovers als gute Möglichkeit, um auf niedrigschwelliger Basis Wissenschaftskommunikation zu betreiben.